Referent:innen und Abstracts

Michael Bender (TU Darmstadt)

Digitale Korpushermeneutik als diskurslinguistischer Forschungsprozess (am Beispiel des Projekts eee-sciencedebates zu Wissenschaftsblogs)


Mit der Digitalisierung verändern sich Gegenstände, Methoden und Forschungsprozesse in der Linguistik. Die damit einhergehende Methodenreflexion knüpft an seit Langem ge-führte Diskussionen in der Wissenschaftsphilosophie und vor allem der empirischen So-zialforschung an. Dazu gehört die schon oft besprochene Debatte über quantitative vs. qualitative Methoden bzw. theorie- vs. datengeleitete Forschungsverfahren. In diesem Zu-sammenhang wird auch immer wieder – oft beiläufig und wenig reflektiert – die Herme-neutik angesprochen, meistens in Bezug auf Interpretation und Analyse als qualitativen Gegenpol zu statistischen, evtl. auch algorithmischen Messverfahren. 

Das Konzept der linguistischen digitalen Korpushermeneutik (Bender/Jacob/Spieß 2024) soll für die enge Verschränkung von quantifizierenden, korpusstatistischen Analyseverfahr-en und den zentralen hermeneutischen Prozessen des Verstehens, Interpretierens und Er-klärens sensibilisieren (vgl. Müller 2024) und auch technische und methodische Weiterent-wicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Es lässt sich als Gegenmodell zur Vorstellung von einer Gegensatz-Relation zwischen Hermeneutik und Korpusstatistik verstehen. Zentral ist da-bei, sich bewusst zu machen, dass Verstehen, Interpretieren und Erklären in alle Phasen linguistischer Forschungsprozesse involviert sind (zur linguistischen Hermeneutik vgl. Hermanns/Holly 2007) – von der Entdeckung eines überraschenden, forschungsrelevanten Phänomens, dem Anknüpfen an Vorwissen und der Entwicklung einer Fragestellung über die Recherche und Auswahl von Daten, die Erstellung und Erschließung von Korpora und Metadaten, bis hin zur Kategorienbildung, Annotation, Analyse, Auswertung und Ergebnis-interpretation (vgl. Bender 2024). Korpusgestützte Forschungsprozesse sind als Ganzes Verstehensprozesse. Ihre Verfahrensweisen sind durchsetzt mit Schnittstellen zur Herme-neutik, wobei das Verstehen nicht nur auf lokal lesende Zugriffsformen beschränkt, son-dern auch auf globale, korpusweite bzw. -übergreifende Rezeption auch von nicht linear zu lesenden Daten gerichtet ist (vgl. Bubenhofer 2024). Statistische Messungen basieren auf durch hermeneutisches Deuten getroffenen Auswahlentscheidungen und ihre Ergebnisse werden erst durch das Interpretieren von Messdaten konstituiert, insbesondere, wenn es um das Gemeinte und den impliziten bzw. inferierten kommunikativen Sinn geht. Umge-kehrt sind quantitative Aspekte wie Häufigkeit, Verteilung oder z.B. Intensität von Phäno-menen zentrale Aspekte der Interpretation.   
Eine vor allem auf solche korpushermeneutischen Forschungsprozesse ausgerichtete digi-tale Korpus-Forschungsumgebung wurde im Projekt eee-sciencedebates entwickelt und soll als Anschauungsbeispiel und Diskussionsgrundlage dienen. Im seit Juli 2023 von Michael Bender, Nina Janich (Darmstadt) und Noah Bubenhofer (Zürich) geleitete „eee-sciencedebates – Zwischen Erwartungshaltung und Empathie: Expertise-Aushandlung und Verständigungspraktiken in der Online-Wissenschaftskommunikation“ (gefördert von DFG und SNF) wird externe Wissenschaftskommunikation im Spektrum zwischen Expert/inn/en und Lai/inn/en auf Wissenschaftsblogs untersucht, insbesondere auf der Plattform Scilogs (Spektrum-Verlag).
Das Ziel des Projekts ist die linguistische Operationalisierung von Verständigungs- und Perspektiveübernahme-Phänomenen in den Kommentarverläufen zu Blogposts sowie die Analyse der Dynamiken und diskursiven Kipppunkte hin zu Erfolg oder Misserfolg in der Verständigung im Diskussionsverlauf. Dieses Ziel wird mit einem Mixed-Methods-Ansatz-verfolgt, der Kategorienbildung und Annotation mit der korpuslinguistischen Detektion sprachlicher Muster verbindet und datengeleiteten algorithmischen Methoden verbindet (vgl. Bender/Bubenhofer/Janich 2024, mehr Informationen außerdem auf der Projekt-Website: https://eee-sciencedebates.digital/ .

Literatur

  • Bender, Michael (2024): Korpusgestützte Theoriebildung als hermeneutischer Prozess – iterativ-inkrementelle Entwicklung eines Kategoriensystems am Beispiel einer Theorie des Kommentierens. In: Michael Bender, Katharina Jacob und Constanze Spieß: Korpushermeneutik. Verstehen, Interpretieren und Erklären in der digitalen germanistischen Forschung. Themenheft der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 2/2024. S. 199–225.
  • Bender, Michael/Bubenhofer, Noah/Janich, Nina (2024): Die öffentliche Aushandlung von Expertise: Wissenschaftsblogs als Ort eristischer Verständigung? Exploratorischer Einstieg in ein Forschungsprojekt. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik (ZGL) 24/1, Themenheft „Digitale Öffentlichkeit(en). Theoretische Modellierung und empirische Zugänge“
  • Bender, Michael/Jacob, Katharina/Spieß, Constanze (2024): Korpushermeneutik. Verstehen, Interpretieren und Erklären in der digitalen germanistischen Forschung. Themenheft der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 2/2024.
  • Bubenhofer, Noah (2024): Die Lektüre von Texten und Daten – Data Philology statt Data Science. In: Michael Bender, Katharina Jacob und Constanze Spieß: Korpushermeneutik. Verstehen, Interpretieren und Erklären in der digitalen germanistischen Forschung. Themenheft der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 2/2024. S. 269–283.
  • Hermanns, Fritz/Werner Holly (Hg.) (2007): Linguistische Hermeneutik. Theorie und Praxis des Verstehens und Interpretierens. Berlin/New York: De Gruyter.
  • Müller, Marcus (2024): Einsam oder gemeinsam? Verstehen und Erklären in der digitalen Linguistik. In: Michael Bender, Katharina Jacob und Constanze Spieß: Korpushermeneutik. Verstehen, Interpretieren und Erklären in der digitalen germanistischen Forschung. Themenheft der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 2/2024. S. 151–171.



Philipp Dreesen (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, CH)

Methoden und Ressourcen der Diskurslinguistik in Anwendung (Workshop)


Die Erfolgsgeschichte der Diskursanalyse ist wesentlich mit dem Begriff Diskurs ver-bunden, der in Öffentlichkeit, Wissenschaft und Berufspraxis problemlos anknüpfbar ist. ,Diskurs‘ ist zudem ein interdisziplinär und international anschlussfähiges Konzept. Zudem ist die Diskursanalyse methodologisch-empirisch anschlussfähig an bestehende praktische Routinen in Kommunikationsberufen wie Medienmonitoring, Stakeholder- und Inhalts-analysen, weil für sowohl qualitative (z.B. Argumentationsanalyse) wie auch quantitative (z.B. maschinelle Berechnungen von Akteursnetzwerken) Methoden eingesetzt werden können. Dank dieser Offenheit konnte die Diskursanalyse von ihren Anfängen bis heute ein progressiv-offener Ansatz bleiben (z.B. mixed methods, data-driven, jüngst KI-unterstütze Analysen). Damit Diskursanalyse Diskursanalyse bleiben kann, muss sie sich also stetig weiterentwickeln: in Bezug auf Daten, Methoden und die Verwertung ihrer Ergebnisse. 

Der Workshop ist zweigeteilt. Der erste Teil beginnt mit einem 30-minütigen Einstiegs-referat, in welchem exemplarisch innovative Verfahren und bestehende Korpora in Projekten der angewandten Diskursforschung gezeigt werden. Zu den vorgestellten methodischen Verfahren zählt unter anderem der Einsatz von Word Embeddings, Topic Modeling und Netzwerkanalysen. Bei den bestehenden Korpora liegt der Fokus auf CLARIN VLO und Swiss-AL. Gemeinsam sollen Verständnisfrage der vorgestellten Verfahren und Korpora diskutiert werden. Dies leitet über in den praktischen Teil des Workshops. 

Im zweiten Teil des Workshops (ca. 45 Minuten) werden wir versuchen, ausgehend von Praxis- und Forschungsfragen Überlegungen zum zielführenden Einsatz von Korpora und Methoden zu entwickeln. Hierbei können folgende Fragen leitend sein:

  • Welche Korpustypen sind für welche Praxis- und Forschungsfragen geeignet?
  • In welchem Verhältnis stehen Diskurs und Korpus unter einer angewandten Perspektive? 
  • Wie kann Topic Modeling linguistisch reflektiert eingesetzt werden?
  • Wofür ist der Einsatz von Word Embeddings lohnend?  
  • Wie lässt sich die Kombination aus datengeleiteten und hypothesenbasierten Ansätzen begründen?
  • Wie sollten Ergebnisse aufbereitet und vermittelt werden?

Am Ende des Workshops sollen die Teilnehmenden eine Vorstellung erhalten haben, was eine korpuszentrierte angewandte Diskursforschung auszeichnet in Hinblick auf Korpora, Methoden und praktische Verwertung der Ergebnisse.


Literatur

  • Bubenhofer, Noah, und Philipp Dreesen. «Kollektivierungs- und Individualisierungseffekte». Diskurse – digital, herausgegeben von Eva Gredel, De Gruyter, 2022, S. 173–90. DOI.org (Crossref), https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110721447-009/html.
  • CLARIN. Virtual Language Observatory. 2024, https://www.clarin.eu/content/virtual-language-observatory-vlo.
  • Dreesen, Philipp, und Julia Krasselt. «Exploring and analyzing linguistic environments». Handbook of Management Communication, herausgegeben von François Cooren und Peter Stücheli-Herlach, De Gruyter, 2021, S. 389–408. DOI.org (Crossref), https://doi.org/10.1515/9781501508059-021.
  • Dreesen, Philipp, und Peter Stücheli-Herlach. «Diskurslinguistik in Anwendung. Ein transdisziplinäres Forschungsdesign für korpuszentrierte Analysen zu öffentlicher Kommunikation». Zeitschrift für Diskursforschung, Bd. 7, Nr. 2, 2019, S. 123–62, https://doi.org/10.3262/ZFD1902123.
  • Krasselt, Julia, u. a. «Swiss-AL. Korpus und Workbench für mehrsprachige digitale Diskurse». Neue Entwicklungen in der Korpuslandschaft der Germanistik: Beiträge zur IDS-Methodenmesse 2022, herausgegeben von Marc Kupietz und Thomas Schmidt, Narr Francke Attempto, 2023, S. 127–42, 10.24053/9783823396024.
  • Krasselt, Julia, und Philipp Dreesen. «Identifying evaluation through topic modeling: The practice of quoting in political discourse about the Quran». Journal of Cultural Analytics, Bd. 7, Nr. 2, 2024, https://doi.org/10.22148/001c.92535.
  • ZHAW Digital Discourse Lab. Swiss-AL. 2024, https://www.zhaw.ch/de/linguistik/forschung/swiss-al/.



Carolina Flinz (Università degli Studi di Milano, IT)

Korpusmethoden für die intralinguale und interlinguale Diskursanalyse in Zeiten von Digitalisierung und Digitalität.


Der Diskursbegriff ist durch Pluralität und kategorielle Offentheit charakterisiert (vgl. Warnke 2018). Wie Michel (2024: 3) hervorhebt, spannt sich ein Bogen “vom Diskurs als Gespräch, über den Diskurs entweder als transtextuelle themenbezogene Aushandlung von Wissens- und Machtaspekten oder als ‚Aussagenverbund‘ […], bis hin zum Diskurs als Sprachgebrauch”. Genau wegen dieser Komplexität und Unschärfe (vgl. auch Spitzmüller 2017: 348) sind Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden von großer Relevanz. 
Korpusbasierte sowie korpusgestützte Ansätze haben sich bei unterschiedlichen diskurs-analytischen Studien als fruchtbar erwiesen (vgl. u. a. Bubenhofer 2009; Bubenhofer 2013; Bubenhofer/Scharloth 2013). Die Auswahl, ob rein quantitativ oder rein qualitativ oder ob eine Triangulation der Ansätze, ist unter der Berücksichtigung der Forschungsfragen und der Analyseperspektive(n) abzuwägen. Diskurslinguistische Untersuchungen können näm-lich auf verschiedene sprachliche Ebenen erfolgen, deskriptiv oder kritisch, synchron oder diachron, intralingual oder interlingual sein. Als Datenbasis können unterschiedliche Medien, Kommunikationsformen, Texsorten und Texten dienen (vgl. Fraas/Meier/Pentzhold 2018). 
Auch wenn die transtextuell orientierte Diskurslinguistik (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 138) schon früh den Anspruch erhoben hat, den Fokus auf die rein systemlinguistischen Beschreibungsebenen zu überwinden, wurde erst durch die pragmatische Wende und die Einführung des diskurssemantischen Paradigmas die Aufmerksamkeit auf die semantisch-en Tiefenphänomene gelegt. Nichtsdestotrotz hatte diese Hierarchisierung der Beschreib-ungsebenen Konsequenzen (vgl. Michel 2024: 6): Die Analyse lexikalischer Einheiten (Wortanalysen) wurde lange Zeit als zentraler Forschungsbereich der Diskurslinguistik angesehen, während die grammatische Analyse (d.h. Morphologie und Syntax) lediglich eine unterdimensionierte Rolle gespielt hat. Nur durch das Forschungsfeld der Diskurs-grammatik (vgl. u. a. Warnke et al. 2014: 70, Müller 2018: 78ff.) hat sich die Situation leicht verändert. Das Fehlen von einer systematischen Berücksichtigung von Wortbildungs-mustern wird jedoch weiterhin bemängelt (vgl. u. a. Michel 2024). 
Um den unterschiedlichen sprachlichen Ebenen und den analysierten Phänomenen gerecht zu werden, hat sich die Diversifizierung der Methoden als geeigneter als geeigneter Zugang erwiesen. Der Vortrag reflektiert entsprechende Herangehensweisen anhand von Fall-studien. Besonders im Fokus stehen folgende Ansätze aus einer intralingualen und interlingualen Perspektive:
1. Analyse von Häufigkeits- und Keyword-Listen: Rekurrente Wörter und Keywords können als diskurs-charakterisierend eingeschätzt werden (vgl. Felder 2012) und werden zur Identifizierung von thematischen Schwerpunkten, konkurrierenden Begriffen oder agonalen Zentren benutzt (vgl. Felder 2012).
2. Analyse von Sprachgebrauchspräferenzen, die empirisch nachweisbar sind: Kollokationen, syntagmatische Muster und N-Gramme offenbaren Ansichten und Priorisierungen im Diskurs (vgl. Belica/Perkuhn 2015). Phänomene auf semantischer und pragmatischer Ebene können dabei ermittelt werden (vgl. Bubenhofer 2009, 2017).
3. Analyse von Metaphern und Frames: Frames und kognitive Metaphern prägen ideologische Perspektiven, können Wahrnehmung und Handeln beeinflussen (vgl. Lakoff/Johnson 1980; Fillmore 1982; Ziem 2008, 2020).
4. Analyse von Argumentationsmuster/Topoi: Diese wiederkehrenden Muster strukturieren öffentliches Wissen (vgl. Wengeler 2003), ihre Identifikation anhand von Oberflächen-merkmalen ist jedoch problematisch (vgl. Niehr 2017).
Die Potenziale und Herausforderungen dieser jeweiligen methodischen Zugänge bzw. Herangehensweisen werden beleuchtet und diskutiert.

Literatur 

  • Belica Cyril/Perkuhn Rainer (2015): Feste Wortgruppen/Phraseologie I: Kollokationen und syntagmatische Muster. In: Ulrike Haß/Petra Storjohann: Handbuch Wort und Wortschatz. Berlin, München, Boston: de Gruyter, 201–225. 
  • Bubenhofer Noah (2009): Sprachgebrauchsmuster. Berlin/New York: de Gruyter.
  • Bubenhofer Noah (2013): Quantitativ informierte qualitative Diskursanalyse. Korpuslinguistische Zugänge zu Einzeltexten und Serien. In: Roth Kersten Sven/Spiegel Carmen (Hrsg.): Angewandte Diskurslinguistik. Felder, Probleme, Perspektiven. Berlin: Akademie-Verlag, 109–134.
  • Bubenhofer, Noah (2017): Kollokationen, n-Gramme, Mehrworteinheiten. In: Roth Kersten Sven/Wengeler Martin/Ziem Alexander (eds.): Handbuch Sprache in Politik und Gesell-schaft. Sprachwissen. Berlin/Boston: de Gruyter, 69–93.
  • Bubenhofer Noah/Scharloth Joachim (2013): Korpuslinguistische Diskursanalyse: Der Nutzen empirisch-quantitativer Verfahren. In: Warnke Ingo/Meinhof Ulrike/Reisigl Martin (eds.): Diskurslinguistik im Spannungsfeld von Deskription und Kritik. Berlin: Akademie-Verlag, 147–168.
  • Felder Ekkehard (2012): Pragma-semiotische Textarbeit und der hermeneutische Nutzen von Korpusanalysen für die linguistische Mediendiskursanalyse. In: Felder Ekkehard/Müller Marcus/Vogel Friedemann (eds.): Korpuspragmatik. Thematische Korpora als Basis dis-kurslinguistischer Analysen. Berlin/Boston, de Gruyter: 115–174.
  • Felder Ekkehard, Müller Marcus, Vogel Friedemann (2012): Korpuspragmatik. Paradigma zwischen Handlung, Gesellschaft und Kognition. In: Ekkehard Felder, Marcus Müller und Friedemann Vogel (Hg.): Korpuspragmatik: Thematische Korpora als Basis diskurslinguistischer Analysen. Berlin, Boston: de Gruyter, 3–30.
  • Fillmore, Ch. (1982): Frame Semantics. In: Linguistics in the Morning Calm: Selected Papers from SICOL-1981. Seoul: Hanshin Pub. Co.
  • Fraas Claudia/Meier Stefan/Pentzold Christian (Hrsg.) (2013): Online-Diskurse. Theorien und Methoden transmedialer Online-Diskursforschung. Köln: Herbert von Halem.
  • Lakoff George/Johnson Mark (1980): The Metaphorical Structure of the Human Conceptual System. In: Cognitive Science 4: 195–208.
  • Michel, Sascha (2024): Diskursmorphologie. Ansätze und Fallstudien zur Schnittstelle zwischen Morphologie und Diskurslinguistik. Berlin/Boston: de Gruyter.
  • Müller Marcus (2018): Diskursgrammatik. In: Warnke Ingo H. (Hg.): Handbuch Diskurs. Berlin/Boston: de Gruyter, 75–103. (= Handbücher Sprachwissen).
  • Niehr Thomas (2017): Argumentation in Texten. In: Roth Kersten Sven/Wengeler Martin/Ziem Alexander (Hgg.): Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft, Berlin/Boston: de Gruyter, 165–186.
  • Spitzmüller Jürgen (2017): Diskursanalyse. In: Niehr Thomas/Kilian Jörg/Wengeler Martin (Hrsg.): Handbuch Sprache und Politik. Band 1. Bremen: Hempen, 346–364.
  • Spitzmüller Jürgen/Warnke Ingo H. (2011): Diskurslinguistik. Eine Einführung in Theorien und Methoden der transtextuellen Sprachanalyse. Berlin/Boston: de Gruyter.
  • Warnke Ingo H. (2018): Diskurslinguistik – Verdichtete Programmatik vor weitem Horizont. In: Warnke Ingo H. (Hrsg.): Handbuch Diskurs. Berlin/Boston: de Gruyter, IX-XXXIV.
  • Warnke Ingo H. et al. (2014): Diskursgrammatik als wissensanalytische Sprachwissenschaft. In Benitt Nora/Koch Christopher/Müller Katharina/Saage Sven/Schüler Lisa (Hrsg.): Kommunikation – Korpus – Kultur: Ansätze und Konzepte einer kulturwissenschaftlichen Linguistik. Trier: WVT, 67–85 (= Giessen Contribuctions to the Study of Culture 11).
  • Wengeler Martin (2003): Topos und Diskurs. Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960–1985). Tübingen: Niemeyer.
  • Ziem Alexander (2008): Frames und sprachliches Wissen. Kognitive Aspekte der semantischen Kompetenz. Berlin/New York: de Gruyter.
  • Ziem Alexander (2020): Konzeptuelle Metaphern zwischen Sprachsystem und Diskurs. In: Roman Mikulas (Hrsg.): Metaphernforschung in interdisziplinären und interdiskursiven Perspektiven, Münster: mentis, 153–169.

Nina-Maria Klug (Universität Duisburg-Essen)

Den Blick auf digitale Diskurse schärfen: Methodische Möglichkeiten multimodaler Mehrebenenanalyse


Sprache spielt bei der Art und Weise, wie Menschen ihre gesellschaftliche Wirklichkeit kommunikativ gestalten und erfahren eine zentrale Rolle. Sie wird im Rahmen kommu-nikativer Praxis jedoch nie isoliert gebraucht. Einerseits wird Sprache im Gebrauch immer mit para-sprachlichen Zeichenmodalitäten wie Typographie oder Prosodie verbunden, um überhaupt als Schrift oder Rede realisier- und greifbar zu werden. Andererseits wird sie in der schriftlichen und/oder mündlichen Realisierung ganz selbstverständlich mit nicht-spachlichen Zeichenmodalitäten wie Gestik, Mimik oder Proxemik, mit statischem und/oder bewegtem Bild und/oder Musik verbunden (vgl. Stöckl 2016). Mit diesen nicht-sprachlichen Zeichen wird sie syntaktisch, semantisch und funktional zu semiotisch komplexen Einheiten unterschiedlicher Art, zu kleinen und großen Texten und Diskursen verknüpft, die gemeinsam haben: In ihnen trägt nicht nur Sprache, sondern jede einzelne der mit Sprache verknüpften Zeichenmodalitäten – je nach eigenem semiotischen Potenzial – in verstehensrelevanter Weise (vgl. Busse 2015) einen wichtigen wie not-wendigen Beitrag zur Konstitution und Repräsentation gesellschaftlichen Wissens und somit von sozialer Wirklichkeit bei. Diese unlösbaren Verknüpfungen von Zeichen ver-schiedener Zeichensysteme (Zeichenmodalitäten) werden in der linguistischen Forschung mit dem Konzept der Multimodalität gefasst (Klug/Stöckl 2015; Klug/Stöckl 2016). Da multimodale Verknüpfungen für Diskurse, wie sie digital, so z.B. im Social Web geführt werden (vgl. Siever 2013; Klug 2020) kennzeichnend sind, erscheint es für linguistische Analysen notwendig, den diskurslinguistischen Blick entsprechend zu öffnen. Im Vortrag soll deshalb ein gebrauchsorientiertes Mehrebenenmodell vorgestellt und mittels ver-schiedener Beispielanalysen illustriert werden (vgl. u.a. Klug 2017), das als erster Orientierungsrahmen für gebrauchsorientierte linguistische Analyse multimodaler Texte und multimodaler Diskurse dienen und dabei helfen kann, dass bestimmte Phänomene, die für die Einbettung von Sprache in multimodale Kontexte charakteristisch sind, linguistisch geschulten Analysierenden bewusst(er) werden.


Literatur:

  • Busse, Dietrich (2015): Sprachverstehen und Textinterpretation. Grundzüge einer verstehenstheoretisch reflektierten interpretativen Semantik. Wiesbaden: Springer.
  • Klug, Nina-Maria/Hartmut Stöckl (2016): Sprache im multimodalen Kontext. In: Ekkehard Felder/Andreas Gardt (Hrsg.): Handbuch Sprache und Wissen. Berlin/Boston: De Gruyter (Handbücher Sprachwissen, HSW, Bd. 1), 242-266.
  • Klug, Nina-Maria/Hartmut Stöckl (Hrsg.)(2016): Handbuch Sprache im multimodalen Kontext. Hrsg. zusammen mit Hartmut Stöckl. Berlin/Boston: De Gruyter (Reihe Handbücher Sprachwissen, Bd. 7).
  • Klug, Nina-Maria (2017): Multimodale Text- und Diskursanalyse. In: Der Deutschunterricht 6, 73-85.
  • Klug, Nina-Maria (2020): Intertextual Reference in Image-Centric Discourse: Analytical Model,Classification, and Case Study. In Hartmut Stöckl/Helen Caple/Jana Pflaeging (Hrsg.),Shifts toward Image-Centricity in Contemporary Multimodal Practices. London: Routledge, 42–63.
  • Siever, Christina Margrit (2015): Multimodale Kommunikation im Social Web. Forschungsansätze und Analysen zu Text-Bild-Relationen. Frankfurt a.M.: Peter Lang.
  • Stöckl, Hartmut (2016): Multimodalität – Semiotische und textlinguistische Grundlagen. In: Nina-Maria Klug/Hartmut Stöckl (Hrsg.), Handbuch Sprache im multimodalen Kontext. Berlin, Boston: De Gruyter, 3–36.



Melanie Nagel (Universität Heidelberg & Universität Tübingen)

Von Texten zu Netzwerken: Einführung in die Diskursnetzwerkanalyse


Diskurs und Sprache sind zentrale Elemente in den Sozialwissenschaften, in der Linguistik und darüber hinaus. Die Diskursnetzwerkanalyse (DNA) ist eine anerkannte und weit ver-breitete Methode (Leifeld 2017), die auf Textdaten wie Zeitungsartikeln oder Parlaments-protokollen basiert. Dabei werden Aussagen von Akteuren manuell in Kategorien codiert, wobei Zustimmung oder Ablehnung berücksichtigt werden. Im nächsten Schritt werden die Akteure mit bestimmten Themen verknüpft und in Diskursnetzwerken visualisiert.

Durch visuelle Darstellungen und die Berechnung von Netzwerkmaßen wie Zentralität und Subgruppenanalyse, kombiniert mit fortgeschrittenen quantitativen Analysemethoden, eröffnen sich vielfältige Auswertungsmöglichkeiten. So kann beispielsweise die dynamische Entwicklung relevanter Akteure im politischen Diskurs identifiziert und im Zusammenhang mit dominanten Themen analysiert werden.

In dieser Einführung wird die Methode der Diskursnetzwerkanalyse vorgestellt und inter-aktiv mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern angewendet. DNA kombiniert die soziale Netzwerkanalyse (SNA) mit Inhalts- oder Diskursanalyse. Der interaktive Vortrag bietet erste Einblicke in das Forschungsdesign einer Diskursnetzwerkanalyse. Gemeinsam disku-tieren wir verschiedene Themen, die sich für diese Methode eignen, formulieren präzise Forschungsfragen und erstellen ein passendes Forschungsdesign.

Die Teilnehmer lernen den gesamten Prozess der Datenerstellung mit der Software Discourse Network Analyzer (DNA) kennen. Konkrete Aufgabenbeispiele umfassen den Im-port von Textdaten, die Kategorisierung der Aussagen der Akteure, die Erstellung eines Codebuchs und den Export der Daten in das Netzwerkvisualisierungsprogramm Visone. Mit Visone können wir die Daten visualisieren und Graphen anhand von Maßzahlen aus der Sozialen Netzwerkanalyse analysieren.

Abschließend besprechen wir, wie ein Forschungsprojekt durchgeführt und dieser Ansatz in das jeweilige Interessengebiet integriert werden kann. Besonders beim Kategorisieren der Textdaten sollen sprachwissenschaftliche Überlegungen diskutiert werden. 

Für die interaktive Arbeit benötigen wir die folgenden beiden Programme und eine aktuelle Version von Java (z.B. Adoptium Temurin OpenJDK 11):


Literatur:

  • Leifeld, P. (2017). Discourse network analysis. The Oxford handbook of political networks, 301-326.



Goranka Rocco (Università degli Studi di Ferrara, IT)

Dimensionen und methodische Fragen des inter- und intralingualen Diskursvergleichs 


Die Veranstaltung wendet sich den Dimensionen des inter- und intralingualen Diskurs-vergleichs und den mit der Bestimmung des tertium comparationis verbundenen Fragen aus methodentheoretischer sowie anwendungsbezogener Perspektive. 

Die Hauptziele sind dabei zum einen eine Perspektiverweiterung auf mögliche Dimen-sionen und Variablen des Diskursvergleichs und zum anderen, damit verbunden, eine Sensibilisierung für mögliche Effekte des Untersuchungsdesigns auf die Forschungsbe-funde.

Im ersten, (methoden-)theoretisch orientierten Teil wird in einem 30-Minuten-Vortrag auf die Frage eingegangen, welche Dimensionen des inter- und intralingualen Vergleichs dis-kurslinguistisch relevant sein können, und damit verbunden, welche Fragestellungen in der bisherigen Forschung fokussiert bzw. eher am Rande betrachtet wurden. 

Besonderes Augenmerk gilt dabei den Problemen, die sich potenziell im Hinblick auf das tertium comparationis bei Diskursen aus unterschiedlichen sprachlichen, nationalen und/oder zeitlichen Kontexten stellen können. In den Blick genommen werden hier Phäno-mene wie das Risiko der Produktion von Forschungsartefakten im Sinne unerwünschter, durch das Untersuchungsdesign erzeugter Ergebnisverzerrungen, Effekte des Beobachter-paradoxons und andere Desiderata, die bisher eher in der sozialpsychologischen und allge-meiner sozialwissenschaftlichen als in der linguistischen Forschung systematisch Beachtung fanden.

Im zweiten Teil werden einige Aspekte und Probleme des Diskursvergleichs exemplarisch an Sketch Engine und DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache) illustriert. Ein-gegangen wird dabei u.a. auf die diskursive Bedeutungsfixierung, -erweiterung bzw. -ver-schiebung der Konzepte ‚Nachhaltigkeit‛ (Atomenergiedebatte, Waffen als ESG- Produkt), ‚Populismus‛, ‚Extremismus‛ sowie auf andere Konzepte unter Berücksichtigung der je-weiligen Forschungsschwerpunkte der Teilnehmenden. 

 

Literatur 

  • Böke, Karin, Matthias Jung, Thomas Niehr, and Martin Wengeler (2000) “Vergleichende Diskurslinguistik. Überlegungen zur Analyse national heterogener Korpora.” In Einwanderungsdiskurse. Vergleichende Diskurslinguistische Studien, Hrsg. Niehr, Thomas, and Karin Böke, 11–36. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Czachur, Waldemar (2009) “Was kontrastieren wir in der kontrastiven Diskurslinguistik?” Studia Niemcoznawcze (Studien zur Deutschkunde), tom XLIV (2009): 433–443.
  • Czachur, Waldemar (2013) “Kontrastive Diskurslinguistik – sprach- und kulturkritisch durch Vergleich.” In Diskurslinguistik im Spannungsfeld von Deskription und Kritik, Hrsg. Meinhof, Ulrike Hanna, Martin Reisigl, and Ingo H. Warnke, 325–350. Berlin: Akademie Verlag. https://doi.org/10.1524/9783050061047.325.
  • Czachur, Waldemar (2020) „Kontrastive Diskurslinguistik.“ In: Th. Niehr/J. Kil- lian/J. Schiewe (Hrsg.), Handbuch Sprachkritik. Stuttgart: J. B. Metzler ...
  • Rocco, Goranka (in Vorb.) “Contrastive Discourse Linguistics: Perspectives and Desiderata for an Interdisciplinary Dialogue”
  • Rocco, Goranka, Philipp Dreesen und Julia Krasselt (2021) „Exploration zu deutschen und italienischen Akteursrollen in Covid-19-Diskursen. Methodologische Überlegungen und praktische Schlussfolgerungen zur Vergleichenden Diskurslinguistik.“ Tekst i dyskurs - Text und Diskurs 2021; 15: 287–314.
  • Rocco, Goranka, und Elmar Schafroth (2019) “Diskurse im interlingualen Vergleich: Forschungsperspektiven und methodische Herausforderungen.” In Vergleichende Diskurslinguistik. Methoden und Forschungspraxis, Hrsg. Rocco, Goranka und Elmar Schafroth, Berlin: Peter Lang, 7–33.
  • Schafroth, Elmar (2015) „Vergleichende Diskurslinguistik als romanistische Forschungspraxis. Zur Rezeption des Sarrazin-Diskurses in französischen, italienischen und spanischen Printmedien.“ In Politische und mediale Diskurse. Fallstudien aus der Romania, Hrsg. Hennemann, Anja, and Schlaak Claudia, 57–82. Berlin: Frank & Timme.